Rodeostar

Waltari

Zwischen Radiodisco und Progressive Metal

Waltari sind seit 1986 am Start. Eine normale Rockband waren sie nie. Sind sie heute nicht und werden es wohl auch nie sein. So ist beispielsweise das Wort Stilgrenze in ihrer kreativen Sprachwelt komplett unbekannt. Waltari entscheiden sich etwa 2011 zum 25. Bandjubiläum kein schnödes und todlangweiliges „Best Of …“-Album zu veröffentlichen, sondern ein Coveralbum. „Wenn das Cover-Album der Mond ist, so ist die aktuelle Platte ‚You Are Waltari’ die Sonne – so gegensätzlich sind beide Scheiben“, konstatiert Chef-Stückeschreiber, Sänger, Bassist und Keyboarder Kärtsy Hatakka.

Verrücktes Crossover-Material

Wer gerne querbeet hört und nicht in einer festen Schublade wohnt, der wird sich auch beim Hören des aktuellen Waltari-Albums „You Are Waltari“ pudelwohl fühlen. „Mit dem völlig verrückten Crossover-Material, das wir dort versammelt haben, wollten wir einerseits zurück zur Original-Waltari-Idee der Anfangstage und gleichzeitig ganz anders sein“, skizziert Kärtsy Hatakka die Ausrichtung der Platte, „wir lieben diesen spielerischen, aber gleichzeitig herausfordernden Einsatz der schöpferischen Janusköpfigkeit.“ Besser hätte er den Klangkosmos von „You Are Waltari“ nicht beschreiben können. Waltari zeigen sich erneut als musikalischer Schmelztiegel und kreativer Spielplatz. Kein einziger Einfluss wird versteckt. „Und davon gibt es verdammt viele“, lacht der Waltari-Frontmann, „die reichen einerseits von der Erfahrung mit KISS zu spielen bis hin zum Spektakel mit klassischem Orchester aufzutreten. Dann haben wir uns noch sowohl mit Radiodisco als auch mit allen Schattierungen von Progressive-Metal befasst. Auch die Arbeit außerhalb von Waltari kommt dieser Platte zugute.“ Mit Letzterem spielt Kärtsy Hatakka auf seine Kompositionen für Computerspiel „Max Payne“ und für das finnische Theaterstück „Akseli & Eelo“ an, das sich mit der Geschichte zweier seiner Vorfahren in den Wirren des Kriegs befasst. Waltari inszenieren mit ihrem Klangkosmos aus Rock, Metal, Tanzflächen-Beats, Orchestralem und allerlei sonstwie Abgedrehtem eine Welt voller musikalischem Reichtum und einer Textpoesie, in der Detailtreue den Minimalismus genau so aufwertet, wie die Opulenz.

Jeder Einfluss ist ein zulässiger Einfluss

Beim aktuellen Album „You Are Waltari“ wird das Waltari-Bandgefüge zugunsten eines großen, locker verbundenen Künstlerkollektivs aufgebrochen. „Ich bin zwar der Hauptkomponist, habe aber beim Schreiben den Klang jedes beteiligten Musikers im Kopf und schreibe genau darauf“, erklärt Kärtsy Hatakka, „noch nie konnte ich ein größeres kreatives Potential anzapfen. Schließlich sind sieben Künstler involviert, zählt man die ganzen Gäste noch dazu, sind mehr als zehn Leute mit von der Partie.“ So entstehen aus dem Stand mehrere Effekte gleichzeitig. Einer davon ist, dass jeder Einfluss ein zulässiger Einfluss ist. Ein zweiter, dass jeder der beteiligten Musiker mit Kärtsy Hatakkas Stückskizzen machen kann, was er will, sofern er dabei gleichzeitig als Waltari-Musiker denkt und agiert. „Es ging bei der neuen Waltari-Platte nie um eine rückwärts gerichtete Old School-Besetzung“, fügt der Frontmann an, „das angesprochene Aufbrechen des Bandgefüges geht auf ‚You Are Waltari’ so weit, dass es bei jedem Lied ein anderes Line-Up gibt. Das führt zu größerer künstlerischer Mannigfaltigkeit, zu vielfältigerem Stil und zu variablerer Instrumentierung.“ So kommen auf der Platte beispielsweise der langjährige Originalgitarrist und Sänger Jariot „Jari“ Lehtinen genau so zum Zuge, wie „Stereo“ Sale Suomalainen -der Originalschlagzeuger bis 1990- er schlägt bei drei Stücken die Trommel. Durch die Tatsache, dass Waltari all diese vielfältigen Einflüssen zu einem zwingenden und mächtigen Ganzen voller Hochspannung zusammengeführt haben, macht „You Are Waltari“ zum stärksten Waltari-Album der letzten Jahrzehnte.

Ernsthaft und größten Spaß dabei

Mit „You Are Waltari“ stehen Waltari mit einem Fuß in den Anfangstagen, mit dem anderen aber weit in der Zukunft. Was auch daran liegt, dass auch eine gehörige Portion Humor und Spaß Teil des Musikverständnisses von Waltari sind. „Ich mag keine Bands, die zu bierernst sind“, gibt Kärtsy Hatakka zu Protokoll, „Frank Zappa hat zum Beispiel immer viel Humor in seine Musik gepackt und die ist zugleich höchst experimentell.“ Mit „You Are Waltari“ befinden sich Waltari immer noch auf ihrer Mission, nämlich der, zu zeigen dass man das Metalgenre auch anders beleuchten kann, ohne dabei an Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit zu verlieren. „Die Regel dabei ist, dass es keine Regeln gibt“, fährt er fort, „ich denke, es macht Musik viel interessanter, wenn sie überraschen kann. Und so überraschen wir auf ‚You Are Waltari’ mit Metal-Country, Metal-Dubstep oder Metal-Latin.“ So reden Waltari auf ermutigende Art und Weise über Vielseitigkeit, Offenheit, Vorurteilsfreiheit und Ehrlichkeit in der Musik. Das beweist einmal mehr, dass auch heute Bands, wie Waltari immer noch -und vielleicht dringender, denn je- gebraucht werden. Wer einfach auf einen hohen musikalischen Standard setzt, der wird nie verloren sein. Das goutiert auch das Publikum, das der Waltari-Musik in seiner Vielfältigkeit in nichts nachsteht und das Metalheads, Gothic- und Hip-Hop-Fans genau so vor der Bühne vereint, wie beinharte Alt-Rocker. Und wenn Waltari mit den durchaus in den neuen Stücken anzutreffenden Tanzflächen-Beats demnächst auch Technojünger als Hörer rekrutiert, würde es nicht verwundern.

Album: „You Are Waltari“ (VÖ: 27.2.2015 auf Rodeostar/ SPV) erhältlich als CD, 2LP Vinyl, Download und Stream

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