Rodeostar

Sons Of Morpheus

Selbstbewusste Riff-Rebellen.

Wenn eine Band ihr Album „Nemesis“ nennt, dann nicht einfach so. Dann hat das einen Grund. „Nemesis“, das war die griechische Göttin der Rache und Vergeltung. Und somit kann man Sons of Morpheus zweites Album gut und gerne als Kampfansage verstehen. „Nemesis“, das bedeutet Aufstehen, Aufbegehren, Einstehen für das, woran man glaubt. „Nemesis“, das ist eine Rebellion in 11 Songs, bestehend aus catchy Hooklines, krachenden Riffs und vor allem einem: ehrlichem, unbestechlichem Rock’n’Roll.

Wenn es in der Geschichte der verzerrten Gitarrenmusik ein Leitmotiv gibt, dann Freiheit und Selbstbestimmung. Sich nichts sagen lassen von denen, die zu wissen behaupten, was richtig ist und was falsch. Genau das tun Sons of Morpheus auf so eindringliche, wie unbeschwerte Weise. Und zwar auch musikalisch: Ohne auf stilistische Grenzen zu achten bedient sich die Band um Mainman, Gitarrist und Sänger Manuel Bissig in klassischer Power Trio-Formation, der Rock’n’Roll-History, kombiniert Stoner Rock, Heavy Blues, Psychedelic und hin und wieder auch grungige Elemente zu einem Riff-Gemisch, dass so wohlbekannt klingt wie eigentständig.

Munter zocken sich Sons of Morpheus also durch die Riff-Geschichte, kombinieren Hendrix mit Soundgarden und The Allman Brothers Band mit Queens Of The Stone Age und umschiffen dabei gekonnt jede Gefahr, als Kopie abgestempelt zu werden. Was das groovende Dreigespann ausserdem besser macht, als so viele ihrer Kollegen: Bei aller Spielfreude, bei aller Virtuosität vergessen Sons of Morpheus dabei das Wichtigste nie: all die Einfälle, all die Riffs in Songs zu packen, die hängen bleiben.

„Nemesis“ ist ein Statement. Ein Statement für Freiheit und Selbstbestimmung und dafür, dass Rock’n’Roll im Grossformat immer noch möglich ist.

Viele träumen vom Musiker-Leben, aber nur die wenigsten ziehen es auch wirklich durch. Sons of Morpheus gehören zu Letzteren. Und wissen: Schweisstreibende Shows und nach Autogrammen fragende Fans bringt das genauso mit sich wie mühseliges Equipment-Schleppen, von Wasser zerstörte Kisten voller LP’s und korrupte Grenzbeamten. Das Musikerleben ist ein Auf und Ab und für Sons of Morpheus trotzdem (oder vielleicht auch ein wenig deshalb) ein Leben, dass es sich zu leben lohnt.

Aber gehen wir der Reihe nach: Bevor Sons of Morpheus quer durch Europa tourten (u.a. mit Karma to Burn oder Kamchatka) und Konzerte in mittlerweile 17 verschiedenen Ländern inklusive den USA zockten, war da zuerst mal eine einfache Sache: Bock drauf, die Verstärker aufzudrehen und Rockmusik zu machen.

Einzig und alleine darum ging es Sänger und Gitarrist Manuel Bissig, als dieser vor einigen Jahren damit begann, unter dem Label „Rozbub“ die Bühnen der Schweiz unsicher zu machen. Der Name stand dabei programmatisch für den Sound: ehrlich, laut und ungeschliffen – wobei schon von Beginn weg klar war: Hier weiss jemand, was er macht. Denn so laut Bissig seine Gitarre krachen liess, so gekonnt wusste und weiss er diese auch zu spielen.

Ob Bissig deshalb von Beginn weg auf die klassische Formation des Power Trio (Drums, Bass, Gitarre) setzte? Die grösstmögliche Konzentration mit den grösstmöglichen Freiheiten, rohe Riffs kombiniert mit Platz für virtuoses Ausufern und abgedrehte Jams – und an Rock-Ikonen wie The Jimi Hendrix Experience und Cream in der goldenen Ära bis hin zu Nirvana in den 90ern und Kadavar in der Jetzt-Zeit anknüpfend.

Die positive Resonanz jedenfalls liess nicht lange auf sich warten. Bald konnte auf eine treue Fanbase ebenso gezählt werden wie auf die positiven Reaktionen der Medien. Als 2013 dann das Debüt „S’esch Ziit“ erschien, kletterte das gleichmal in die Schweizer iTunes-Charts.

Ganz bequem wärs wohl gewesen, diese Sache einfach so weiterlaufen zu lassen. Doch Bequemlichkeit ist so wenig Rock ’n‘ Roll wie Bissigs Sache und als der Sound der drei Musiker sich zu konkretisieren begann, die Riffs wuchtiger und die musikalische und persönliche Beziehung zwischen den Musikern enger wurde, nutzte die Band den Moment: aus Rozbub wurde Sons of Morpheus und aus einem anfänglichen Solo-Projekt auch auf dem Papier das, was es auf der Bühne und im Proberaum schon längst war: eine eingeschworene Band.

Nun könnte man meinen, dass das dem rasanten Aufstieg der Truppe einen kleinen Dämpfer verpasst hätte, doch das Gegenteil war der Fall: Auf ihrem Trip in die Vereinigten Staaten, bei Shows in der Rock-Republik Kalifornien und während einer zweiwöchigen Recording-Session in Arizona bei Produzent Jim Waters (Jon Spencer Blues Explosion, Sonic Youth, R.L. Burnside u.a.) im Frühjahr 2014 verschmolzen die drei Musiker nicht nur noch enger miteinander, sondern gossen auch ihren Sound in immer klarere Formen.

Das Resultat, das schlicht „Sons of Morpheus“ betitelte Debüt unter neuem Namen, überraschte mit seiner klar härteren Gangrichtung ebenso, wie es mit ausgefeiltem Songwriting begeisterte und verspielten Jams zum Abdriften einlud. Unzählige Shows im In- und Ausland waren die Folge, sodass das Jahr 2015 für das Trio vor allem auf der Bühne, ob im schweissnassen Kellerclub oder auf der grossen Festivalbühne stattfand.

Der Plan für 2016 war danach klar: zurück in den Proberaum, um neues Material zu schreiben. Doch wie schon zuvor galt für die drei Jungs: die Chancen packen, wenn sie kommen und so fand man sich im Frühjahr plötzlich auf einer Fähre nach Grossbritannien wieder, um mit dem US-amerikanischen Stoner Rock-Schwergewicht Karma to Burn eine über einmonatige Tournee zu spielen und dabei mal kurz 37 Shows über ganz Europa verteilt zu zocken. Und das war noch nicht alles, im Herbst wurde bereits wieder Spanien und Deutschland bespielt.

Ob das der Entstehung des Albums geschadet hat? Hört man sich „Nemesis“, so der herausfordernde Titel, an, kann man nur verneinen. Vielmehr wirken Sons of Morpheus 2017 noch treibender, noch dringlicher, ihr Sound düsterer und gleichzeitig auch explosiver. Ob es daran liegen mag, dass dieses Mal kein Geringerer als David Weber, Technik-Chef des legendären Montreux Jazz Festivals, an den Produzentenreglern sass, der auch schon den bedrohlich brodelnden Sound der Schweizer Düster-Rocker The Young Gods für die Ewigkeit festgehalten hat? Oder doch vielleicht ein wenig an der Welt, in der wir heute leben?

So oder so: Auf „Nemesis“ vereinen Sons of Morpheus die Überschwänglichkeit und Freiheit der 70’s, der goldenen Ära der Gitarrenmusik, mit der Unsicherheit des Jetzt. Der Antrieb – und das spürt man – ist dabei aber immer noch derselbe wie vor vier Jahren: die Lust darauf, den Verstärker aufzudrehen und die Wände zittern zu lassen und das so krachend wie gekonnt.